Bolivien Part III

Sucre – Potsí

Gastbeitrag von Isabel Balzer

Seit einigen Tagen begleite ich Fred und Maren nun schon auf ihrer Reise und wir haben in und um La Paz bereits eine eine ganze Menge erlebt. Nach dieser chaotischen und verrückten Großstadt ging es für uns weiter nach Sucre – der offiziellen Hauptstadt Boliviens. Was unser Hostel an Schönheit gänzlich vermissen lies, hatte die Stadt selbst im Übermaß zu bieten. Sucre, auch die weiße Stadt genannt, kann mit unzähligen wunderschönen Gebäuden im Kolonialstil punkten. Der Hauptplatz ist gleichzeitig auch pulsierendes Herz der Stadt: Jugendliche üben sich im Brakedance, Kinder laufen umher, Alte erzählen oder ruhen sich aus, Verkäufer bieten alle möglichen Waren an, Touristen schlendern umher, für jeden ist Platz. Wir genießen die Schönheit der Stadt und geben uns einen Tag lang deren Rhythmus hin. 
  




  
Anschließend geht es weiter nach Potosi. Diese Stadt hat es dank seiner Silberminen in sämtliche Reiseführer geschafft. Was für uns erst einmal wie ein großes Abenteuer klingt, ist für die Arbeiter der Minen jeden Tag aufs neue ein Schuften an der körperlichen Belastungsgrenze. Fred und ich wollten uns das ganze einmal genauer anschauen und buchten eine Tour zu den Silberminen. Zuerst wurden wir in stinkige Hosen und Jacken gesteckt, dazu kamen Gummistiefel und Helm. So stapften wir anschließend zum ‘Minenshop’, in dem die Arbeiter alles Notwendige einkaufen konnten: Helme, Hammer, Mundschutz (den keiner trägt), Anzüge, Getränke, Bohrmaschinen und vieles mehr. Was natürlich in einer Mine nicht fehlen darf ist das Dynamit. Potosi ist der einzige Ort der Welt, an dem jeder legal Dynamit kaufen kann. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen und nachdem wir Patchamama (Muttererde) mit einem Schluck 96%igem Alkohol um das Wohl für die Minenarbeiter gebeten hatten, kauften wir eine Stange Dynamit, Coca Blätter und einige Getränke, die später in den Minen verteilt werden. Unser Guide ließ es sich auch nicht nehmen, direkt im Laden vorzuführen, wie das Dynamit benutzt wird.
Vor dem Eingang der Mine angekommen, fühlten wir uns ins 17. Jahrhundert zurückversetzt. Mit veraltetem Gerät wuchteten dutzende Arbeiter Wagen um Wagen mit Gestein aus der Mine, in der wir die kommenden zwei Stunden verbringen sollten. Als wir in die Mine gingen mussten wir ständig den vollen Wagen ausweichen, es roch unangenehm und uns wurde schnell sehr warm. Ständig hatten wir das Gefühl nicht genug Luft zu bekommen. Die Enge und Dunkelheit machten das Ganze nicht besser. Nachdem wir einen etwa 30m langen Schacht hochgekrabbelt waren, konnten wir völlig außer Atem einem Arbeiter dabei zusehen, wir er mit einem Hammer und einer Stange Löcher für das Dynamit in die Wand schlug. Es war staubig, hitzig und überall lagen lose Steine herum. Von Sicherung keine Spur. Auf einer Zwischenebene legten wir eine Pause ein und saßen mit unseren anderen zwei Tourmitgliedern, den Guides und dem Arbeiter, der ebenfalls eine Pause brauchte, zusammen. Es wurde wieder unzählige Male der 96%ige Alkohol herumgereicht. Immer das Gleiche Ritual: Bitten an Patchamama aussprechen, dann trinken. Dazu kommen unzählige Coca Blätter. Anders ist das Ganze auch nicht auszuhalten. Wir können die ganze Zeit über kaum glauben, unter welchen Bedingungen die 10 – 15 Tausend Mienenarbeiter jeden Tag schuften. Bei einer weiteren Gruppe dürfen wir später noch live bei einer Dynamit-Explosion dabei sein. Ein dumpfer Knall breitet sich in dem Bereich aus, in dem wir zusammen mit den Arbeitern sitzen, danach noch einer. Das wars. Verglichen mit dem Rest der Arbeit ziemlich unspektakulär.
Als wir nach zwei Stunden das Tageslicht wieder erblicken sind wir immenoch sprachlos. Keine Stunde länger wollten wir im Berg bleiben, geschweige denn auch nur einen Tag mit diesen Männern tauschen. Die Minentour war ein Erlebnis, was uns einmal mehr körperlich, aber auch psychisch an unsere Grenzen gebracht hat. Aber genau diese Abenteuer sind es auch, die eine solche Reise ausmachen.
Deshalb freuen wir uns schon jetzt auf das nächste Extrem: ein Trip zum größten Salzsee der Welt.




 

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1 Comment

  • Reply
    Ingrid Schmidt
    13. March 2016 at 10:33

    Die Schilderung der Arbeitsbedingungen in der Silbermine sind erschütternd. Sie zeugen von einem kompletten Staatsversagen im 21. Jahrhundert. Mit Sicherheit werden diese Arbeiter ob ihres Arbeitsplatzes auch noch als privilegiert angesehen. Fragt sich, was die dortigen Eliten, Politik, Wirtschaft und Kirche in all den Jahren zur Verbesserung der sozialen Situation beigetragen haben. Nichts, vermutlich. Eigentlich traurig, ein Land so vor die Hunde gehen zu lassen!
    Das Gute daran ist, dass die zivilisatorischen Fortschritte bei uns doch zunschätzen sind und einem eine Reise wie die Eure die Augen hierfür öffnet.
    Noch weitere eindrückliche Erlebnisse wünscht euch
    Ingrid

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